AD(H)S:
Wie Frauen unter anderen Beschwerden leiden

AD(H)S (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen) betrifft etwa fünf bis acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen und kann bei vielen bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Die Diagnose und Versorgung sind bis heute von geschlechtsspezifischen Biases geprägt. Jungen fallen häufiger durch Hyperaktivität und Impulsivität auf. Symptome wie Unaufmerksamkeit, Tagträumerei und emotionale Überforderung, die bei Mädchen und Frauen häufiger auftreten können, werden dagegen leichter übersehen oder anderen psychischen Erkrankungen zugeschrieben.

Bei erwachsenen Frauen zeigt sich AD(H)S häufig weniger auffällig und gerade deshalb schwerer erkennbar. Die innere Unruhe muss nicht als Hyperaktivität auftreten. Sie kann sich als ständiges Gedankenkreisen oder als Gefühl von „zu vielen Tabs im Kopf“ zeigen. Hinzu kommen Probleme mit Zeitgefühl, Priorisierung, Organisation und dem Beginnen oder Abschließen von Aufgaben. Auch Reizüberflutung und emotionale Überforderung können den Alltag belasten. Gleichzeitig ist es möglich, sich über längere Zeit intensiv auf einzelne Interessen zu konzentrieren.

Viele Frauen entwickeln früh Strategien, um ihre Schwierigkeiten auszugleichen. Sie führen akribische Listen, kontrollieren mehrfach, ob etwas erledigt wurde, arbeiten länger als andere, halten sich besonders strikt an Routinen oder vermeiden Situationen, in denen ihre Probleme sichtbar werden. Dieses „Masking“ kann so erfolgreich sein, dass andere vor allem eine zuverlässige, organisierte oder leistungsfähige Frau wahrnehmen. Was nach außen nach Disziplin aussieht, kann sich innen wie permanentes Kompensieren anfühlen.

Die AD(H)S-Diagnostik war lange stark von auffälligem, hyperaktivem und impulsivem Verhalten geprägt. Weniger offensichtliche Formen von Unaufmerksamkeit und inneren Belastungen wurden dadurch leichter übersehen. AD(H)S bei Mädchen und Frauen werden deshalb häufig später erkannt. Nicht selten erfolgt die Diagnose erst, wenn bisherige Strategien nicht mehr ausreichen, etwa nach längerer Überforderung, Erschöpfung oder einer depressiven Episode. Erst dann wird ersichtlich, dass Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit oder Organisation bereits seit der Kindheit bestanden haben. Auch Frauen waren in der Forschung lange unterrepräsentiert. Hormonelle Einflüsse durch Pubertät, Menstruationszyklus, Schwangerschaft oder Wechseljahre werden erst zunehmend untersucht.

Wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen abhängig davon, wer untersucht wird. Wenn Mädchen und Frauen in Studien fehlen und diagnostische Kriterien vor allem anhand männlich geprägter Symptomprofile entwickelt wurden, entsteht ein unvollständiges Bild von AD(H)S. Für eine zuverlässige Diagnose braucht es deshalb vielfältige Informationen: biografische Daten, Entwicklungs- und Krankengeschichte, Symptome und deren Auswirkungen auf Schule, Beruf und Alltag sowie standardisierte Fragebögen und kognitive Untersuchungen. Auch Einschätzungen von Eltern, Lehrkräften oder Partner*innen können einbezogen werden.

Zunehmend kommen freiwillig erhobene Alltagsdaten hinzu, etwa zu Schlaf, Aktivität oder Aufmerksamkeit aus Apps und Wearables. Durch mehr differenzierte Daten kann das Bild von AD(H)S individueller und geschlechterspezifischer werden. Digitale Anwendungen, Virtual Reality und KI können langfristig helfen, Symptome im Alltag genauer abzubilden und Therapien individueller auszurichten.

Eine gerechtere AD(H)S-Forschung macht unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar. Datenspenden können dazu beitragen, bisher fehlende Perspektiven einzubeziehen und Muster besser zu verstehen. So kann eine Diagnostik entstehen, in der nicht nur die Lauten und Auffälligen gesehen werden, sondern auch diejenigen, deren AD(H)S lange unter dem Radar blieb.

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